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Themen
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Verfremdungen
Die Texte von Rudolf Heinz sind durch Neologismen und weitläufige Satzverschachtelungen verdunkelte Texte. Verdunkelt wird ihre Bedeutung, deren Nachvollzug dadurch erschwert wird.
Durchsetzt sind die Texte mit ungebräuchlichen Fremdwörtern – oft aus ihrem ursprünglichen Kontext verschoben –, sowie Neuschöpfungen oder Wortverpflanzungen aus anderen Sprachen – aus dem Griechischen, Lateinischen, Englischen oder Französischen. Die Fremdsprachenwörterbücher, die auf seinem Schreibtisch liegen, empfindet er als Schutzgeister, mit deren Hilfe er sein Schreiben entschulden will.
Die Sprache wird gequält, wird zu einer sperrigen Sprache, die sich dem Verständnis entzieht, dem Verstehen als einer konsumatorischen Aneignung, die dem Mutter-Sohn-Inzest entspricht. Der Abwehr dieses Inzests entspricht die Textverfremdung. Schreiben ist eine inzestuöse Assimilation des Mutterkörpers, und die Schriftverfremdung ist eine Inzestabwehr, eine Einbringung von Differenz.
Für Rudolf Heinz ist Schreiben ein primärprozessueller Vorgang, die Fortsetzung des träumenden Schlafs. Nachdem er sich mit dem Wecker früh morgens aus dem Schlaf gerissen hatte, begab er sich in das Zimmer seiner Frau, nur dort konnte er schreiben.
Rudolf Heinz und seine Frau lebten in zwei karg eingerichteten Ein-Zimmer-Appartements auf verschiedenen Etagen in einem Mietshaus, dessen mit Teppichen ausgelegte Flure an ein Hotel erinnertn. Im Zimmer von Rudolf Heinz befanden sich einige Bücher, bis auf wenige andere (Kafka, Benn) nur seine eigenen. "Vergeblich auch wird man die Bibliothek suchen, verblieb nur ein Bücherrest wie eine eng individualisierte Zitatensammlung, bar der Zitierensverpflichtung – das Pathos des Selberschreibens verträgt die Materialität der ab-zulesenden Fremdschrifthypotheken nicht." (PGS VI, 198)
Bauen - Wohnen - Denken. Besetzen - Hausen - Plündern. Zur ganzen Restästhetik unserer Wohnungseinrichtung; in: Pathognostische Studien VI, 198
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Anschlüsse
Carl Gustav Jung, Paracelsus als geistige Erscheinung; in: Studien über alchemistische Vorstellungen (Gesammelte Werke Band 13), 1371:
"Man will eindrucksvoll reden, um dem Gegner zu imponieren; deshalb verwendet man einen besonderen Kraftstil mit Wortneubildungen, sogenannten Neologismen, die man als «Machtwörter» bezeichnen könnte. Wir beobachten dieses Symptom nicht nur in der psychiatrischen Klinik, sondern auch bei gewissen neueren Philosophen und vor allem dort, wo irgend etwas Unglaubwürdiges gegen einen inneren Widerstand durchgesetzt werden soll: die Sprache schwillt auf, übersteigert sich und prägt seltsame Wörter, die sich durch unnötige Kompliziertheit auszeichnen. Dem Wort wird damit das aufgetragen, was man mit redlichen Mitteln nicht zustande brachte. Es ist alte Wortmagie, die gegebenenfalls zu einer wahren Sucht ausarten kann."
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